DESIGNPROZESS
Kurt Weidemann über Freiheit und ihre Grenzen
Wenn ich in einen Vorstand komme, und da sitzen sechs Herren, frage ich erst einmal : „Mit wem hab’ ich es denn zu tun?“ Wenn die dann antworten: „Mit uns allen“ – dann gibt es für mich eine sehr einfache Regel, die lautet: Hau ab! Eine Viertelstunde später bin ich dann draußen.
Ich will einfach einen Ansprechpartner haben, der auch die Kompetenz und Entscheidungsfreiheit hat. Der sollte dann wie ein Einzelunternehmer mit mir reden können. Ich habe schon festgestellt, dass man in Gremien alles zerredet bekommt. Gremien befassen sich nicht mit dem eigentlichen Problem, sondern mit ihrer eigenen Hackordnung, mit Machtspielchen und persönlichen Animositäten. In solchen Situationen ist es dann wirklich besser zu gehen. Ändern wird man daran nichts. Bedenkenträger und Sowohl-als-auch-Spezialisten sind keine Ansprechpartner. Folgen überschaubar und erreichbar zu machen, setzt doch kein Genie voraus. Andere wiederum nehmen gern Entwürfe mit nach Hause und legen sie der werten Gattin vor, die ja schon darüber entschieden hat, welcher Teppichboden gekauft wird, welche Bilder an der Wand hängen, wie der Messestand auszusehen hat und wie die Anzeigen. Und damit sagt ein Zufallsgenerator wo’s langgeht. Ich habe es aufgegeben Leute zu beraten, die mich fragen, was Corporate Identity auf englisch heißt. Gute Vorständler wissen zu delegieren. Alfred Herrhausen sagte mal zu mir, als es um die Entwicklung einer Hausschrift ging: „Für mich sieht das gut aus, aber besprich das mal mit den Fachleuten im Unternehmen.“ Er hat da keinerlei Einfluss genommen. Das gleiche gilt für Edzart Reuter.
Mir ist wichtig, bei einem Projekt mit jedem von Anfang an offen zu sprechen. Meine Energie verbrauche ich nicht, um zu missionieren! Nach zehn Jahren als Soldat und Kriegsgefangener in Russland hatte ich von jeglichen Befehlsstrukturen und Hierarchien die Schnauze voll. Wenn man so etwas hinter sich hat, dann ist ein Freiheit ein so hohes Gut, dass man Unabänderlichem und allem aus dem Weg geht, bei dem einem die Freiheit genommen wird.
Nun sind einem Designer gewiss – gerade bei Corporate-Design-Projekten für Großunternehmen - Grenzen gesetzt, manchmal sogar enge Grenzen. Man fängt ja selten bei null an. Jedes Unternehmen hat ja seine Geschichte. Es steht ja nicht im weißen Hemd auf der grünen Wiese. Es hat einen Namen, ein Zeichen, eine Schrift, ein Erscheinungsbild. Als Designer hat man die Verantwortung, genau zu prüfen: Ist es so schlecht, oder sieht es so alt aus, dass es überarbeitet oder erneuert werden muß? Die Arbeit an einem Corporate Design ist immer ein Operation am offenen Herzen. Manchmal rate ich auch, etwas Bestehendes, Gewachsenes gerade nicht oder nur marginal zu verändern.
Gestalterische Ideen und gestalterische Freiheit erstreitet man jedenfalls nicht mit einer Hoppla-jetzt-komm-ich-Mentalität. Um Entwürfe gegenüber Vorstände durchzusetzen, muss man zu überzeugen wissen. Man muss Dinge sagen, auf die Gefahr hin, dass sie so verstanden werden, wie sie gemeint sind. Manche Aufträge habe ich angeblich nicht bekommen, weil ich noch zu jung war. Das Bewusstsein, die Fantasie, der Gestaltungswille sind frei oder frei zu halten. In aller Vielfalt gehören aber auch Verantwortung und Ordnung zur Freiheit, wenn sie nicht in Willkür und Anarchie ausarten soll. Kreativität, Vision und Innovation gedeihen in der Gedankenwelt der Freiheit jedenfalls am sichersten. Übrigens wurde ich kürzlich in einem Interview gefragt, ob ich Generationsproblem hätte. Da habe ich geantwortet: „Ja, mit Studenten, die älter sind als ich.“ Die gibt’s nämlich auch.
mehr zu Kurt Weidemann finden sie hier: de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Weidemann
Buchtip:
„Wo der Buchstabe das Wort führt“, Stuttgart 1995; ISBN 3-8932-2521-8
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